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Der Faktencheck zur Serie "Deutsches Haus"

Wie realitätsnah ist die Disney+-Serie? Und was hat sie mit der Frankfurter Stadtgeschichte zu tun?

Zusammen mit Michael Rahlwes. Lektorat: Ellen Rinner.

Wie realitätsnah ist die Serie? Und was hat die Disney+ Miniserie mit der Frankfurter Stadtgeschichte zu tun?

Die Verfilmung von Annette Hess’ Bestseller führt uns zurück in das Frankfurt der 1960er Jahre – mitten in die Zeit des ersten Auschwitz-Prozesses (Dezember 1963 – August 1965). Der offizielle Name lautete Strafverfahren gegen Robert Mulka und andere (4 Ks 2/63).

Filmset versus historische Schauplätze

Das Gerichtsgefängnis an der Hammelsgasse Hier saß der Angeklagte Wilhelm Boger in Untersuchungshaft. Das Gebäude wurde 1973 abgerissen.

Der Frankfurter Römer Da es keinen großen genug Gerichtssaal gab, wurde der Gerichtsort in den Stadtverordnetensaal verlegt. Am 20. Dezember 1963 wurde der Auschwitz-Prozess dort eröffnet.

Der SAALBAU Gallus Ab April 1964 fand der Prozess bis zur Urteilsverkündigung im August 1965 im Bürgerhaus im Gallusviertel statt.

Die Nachkriegsgesellschaft und die Aufarbeitung der NS-Verbrechen

Die fiktive Hauptfigur Eva Bruhns steht stellvertretend für eine junge Generation Deutscher, die Anfang der 1960er Jahre vom Vernichtungslager Auschwitz noch nie etwas gehört hatten oder es verdrängten. Annette Hess beschreibt: „Evas naive Perspektive ist im Grunde der meiner Mutter nachempfunden.”

Fritz Bauer soll gesagt haben, er betrete Feindesland, wenn er sein Büro verlasse. Im Januar 1959 begann die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen 1.200 Personen zu ermitteln. Schließlich wurden 22 Personen angeklagt, 181 Überlebende sagten aus.

Gab es die Übersetzerin Eva Bruhns wirklich?

In der Hauptverhandlung wurden 16 Dolmetscher eingesetzt; fünf von ihnen waren Frauen. Wera Kapkajew war eine selbstbewusste Juristin, die simultan übersetzte und keineswegs überfordert war – im Unterschied zur fiktiven Eva.

Die Zeugen im Auschwitz-Prozess

Viele Zeugen kamen aus der ganzen Welt, sprachen kein Deutsch und waren nach ihrer Ankunft auf sich allein gestellt. Manche waren im selben Hotel untergebracht wie die Angeklagten. Im April 1964 wurde eine privat organisierte Hilfsinitiative von Emmi Bonhoeffer und Ursula Wirth ins Leben gerufen. Allein im ersten Jahr begleiteten sie 170 Überlebende zu Gericht.

Der Prozess und seine Darstellung in der Serie

Die Autorin Annette Hess hatte sich intensiv mit den Tonband-Aufnahmen des Prozesses beschäftigt, die auf der Website des Fritz-Bauer-Instituts zugänglich sind. Der Ortsbesuch in Auschwitz, der tatsächlich stattgefunden hat, wird in der Serie thematisiert – die szenische Darstellung weicht jedoch erheblich ab: Tatsächlich war die Gruppe von zahlreichen internationalen Journalisten begleitet.

Wer ist David Miller?

David Miller, der junge Staatsanwalt aus Kanada in der Serie, ist komplett fiktiv. Zur Frankfurter Staatsanwaltschaft gehörten ausschließlich deutsche Juristen: Hanns Großmann, Georg Friedrich Vogel, Joachim Kügler und Gerhard Wiese.

Fritz Bauer

Fritz Bauer kommt in der Serie nur eine Nebenrolle zu. Rückblickend hat er für die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Deutschland eine zentrale und wegweisende Bedeutung.

Eignet sich die Serie für den Unterricht?

Die Serie eignet sich für Deutsch und Geschichte in der Oberstufe (Sekundarstufe II). Empfehlenswert ist ein Vergleich der Darstellungen in Folge 1 (Eva Bruhn) und Folge 2 (Rachel Cohen) mit historischen Originalquellen – etwa den Tonband-Aufnahmen des Fritz-Bauer-Instituts.

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