So recherchieren Sie zu verfolgten Frankfurter Familien
Aus der Reihe Biografien auf der Spur - ein Schritt-fur-Schritt-Beispiel anhand der Biografie von Sally Fleisch.
Aus der Reihe „Biografien auf der Spur.”
Dieser Beitrag zeigt, wie Sie Biografien jüdischer Familien recherchieren können, die in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) in Frankfurt am Main lebten und verfolgt wurden. Als Beispiel dient die Biografie von Sally Fleisch, erarbeitet für die Frankfurt History App des Historischen Museums Frankfurt am Main.
Schritt 1: Im historischen Frankfurter Adressbuch recherchieren
Die Frankfurter Adressbücher von 1834 bis 1943 sind digitalisiert und über die Universitätsbibliothek der Goethe Universität Frankfurt am Main zugänglich.
Im Adressbuch von 1933 findet sich: Sally Fleisch war Metzgermeister, wohnte in Rödelheim und besaß das Haus in der Reichsburgstraße 2.
Schritt 2: Archivbestände nutzen
- „Nullkartei” im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (ca. 1868–1932, sehr lückenhaft)
- Hausstandsbücher im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (ab 1932)
- Datenbank Arcinsys (hessische Archive): Sally Fleisch, geb. 08. Oktober 1878 in Frankfurt-Rödelheim, verheiratet mit Selma Sternfels
- LAGIS (Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen): Hessisches Geburten-, Ehe- und Sterberegister ab 1849/1851
- Arolsen Archives: Dokumente zu Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus (ca. 17,5 Millionen Menschen)
Schritt 3: Geburtsurkunden lesen (Kurrent)
Die Geburtsurkunde von Sally Fleisch (Transkription):
„Roedelheim, am 14 Oktober 1878 … der Metzger Leopold Fleisch wohnhaft zu Roedelheim in der Wehrstraße No. 6 israelitischer Religion … zeigte an, dass von der Jette Fleisch geborne Stern seiner Ehefrau israelitischer Religion … am achten Oktober des Jahres tausend acht hundert siebenzig und acht … ein Kind männlichen Geschlechts geboren worden sei, welches den Vornamen Sally erhalten habe …”
Das Entziffern solcher Dokumente in alter deutscher Kurrentschrift ist eine eigene Fertigkeit – bei Bedarf unterstütze ich Sie dabei.
Die Geschichte von Sally Fleisch
Sally Fleisch übernahm 1926 das Metzgergeschäft seines Vaters. Ab 1933 gingen die Umsätze infolge der Boykotte gegen jüdische Geschäfte zurück. Im Juni 1938 musste die Metzgerei schließen. Das Ehepaar wurde zur Zahlung von 12.500 Reichsmark als „Judenvermögensabgabe” gezwungen.
Den drei Kindern gelang die Emigration:
- Herta (1937, Südafrika)
- Heinrich (1938, Nordrhodesien)
- Walter (1939, England)
1938/39 musste die Familie sämtliche Liegenschaften verkaufen. Das Haus in der Reichsburgstraße 2 wurde für 70.000 Reichsmark aufgekauft – zu einem Bruchteil des tatsächlichen Wertes.
Am 20. Oktober 1941 wurden Sally und Selma Fleisch nach Lodz deportiert und ermordet. Ihr Vermögen wurde einen Monat später beschlagnahmt.
Möchten Sie zu einer Familie in Frankfurt recherchieren? Nehmen Sie Kontakt auf – ich helfe Ihnen dabei.